Selbstfürsorge im Alltag
- WanderWohl

- 20. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Wie ich aufgehört habe, ständig zu funktionieren

Kurz bevor ich zu Hause zusammengebrochen bin, war ich in Namibia. Dort durfte ich spüren, wie schön sich das Leben anfühlen kann, wenn nicht ständig etwas erledigt werden muss und wie wenig es braucht, um sich lebendig zu fühlen. Und wie weit ich mich davon in meinem Alltag entfernt hatte. Heute weiß ich, dass genau darin für mich ein wichtiger Teil von Selbstfürsorge liegt: mein ganzes Leben im Blick zu behalten – auch meine Arbeit. Denn Arbeit ist für mich kein Gegenstück zum Leben, sondern ein wichtiger Teil davon. Sie darf Energie kosten, mich fordern und mir gleichzeitig etwas geben. Umso wichtiger ist mir, dass sie zu mir passt, mir Energie gibt und Raum für Pausen und das Leben drumherum lässt. Wie ich gelernt habe, besser auf mich zu achten und meine Grenzen ernst zu nehmen, erzähle ich Dir in diesem Artikel.
Ich wollte einfach nur mithalten
Ich hatte vor lauter Studieren neben dem Pflegeberuf und meinem verbissenen Versuch, in die Lehrerinnen-Rolle zu passen, irgendwann vergessen, wer ich eigentlich bin. Dazu kam: Es gab immer viel zu viel zu tun. Zehn Stunden Büro – Tag ein, Tag aus. Überstunden ohne Ende. Und ich schien die Einzige zu sein, die damit nicht mithalten konnte.
»Ich habe mich unglaublich dumm gefühlt. Wie ein Alien.
Einfach nicht richtig. Nicht gut genug.«
Ich fragte mich: "Warum konnten alle anderen das schaffen und warum konnte ich es nicht?" Mein Körper hatte darauf offenbar eine ziemlich klare Antwort: Erschöpfung. Ich war regelmäßig krank. Mein Körper hat mir eine Grippe vorgespielt und ein paar Tage konnte ich nichts anderes tun, als herumzuliegen und fernzusehen. Und dann war plötzlich wieder alles gut. Manchmal sogar schon, nachdem ich die Krankmeldung abgeholt hatte.
»Heute weiß ich: Mein Körper hat damals ziemlich deutlich versucht, mir etwas zu sagen.«

Der erste Schritt zurück zu mir
Irgendwann war klar: So konnte es körperlich nicht weitergehen. Und ich wollte wieder wissen, wer ich bin. Also habe ich angefangen, mir einmal in der Woche einen festen Termin für mich selbst zu machen. Das klingt heute banal. Damals war es ziemlich schwer. Schon auf der Arbeit zu verkünden, dass ich an einem bestimmten Tag der Woche nicht vor 9 Uhr kommen würde, hat mich viel Überwindung gekostet.
»Da war dieses schlechte Gewissen. Die Sorge, was andere denken.
Und die leise Stimme im Kopf, die fragte: Darfst du das überhaupt?«
Ich durfte.
Und Stück für Stück habe ich mir meine Freiheit zurückerobert. Ich bin nach meiner Arbeitszeit gegangen. Wenn es an einem Tag wirklich nötig war, länger zu arbeiten, habe ich das getan – und dafür an einem anderen Tag früher Feierabend gemacht.
Es war zäh. Es war mit viel schlechtem Gewissen verbunden. Und es war nötig.

Selbstfürsorge heißt, auf mich zu hören
Den eigenen Bedürfnissen Raum geben
Irgendwann hat es mich nicht mehr besonders interessiert, wenn jemand meine "Work-Life-Balance" belächelt hat. Auch die hochgezogene Augenbraue, wenn ich um 14 Uhr einen schönen Feierabend gewünscht habe, konnte ich irgendwann aushalten. Denn ich hatte verstanden: Mein Leben muss nicht darum herum gebaut werden, möglichst viel Arbeit auszuhalten. Und tatsächlich wurde es leichter. Heute bin ich nicht annähernd so oft und so doll krank wie damals. Eine Teilnehmerin hat mich einmal gefragt: „Was hast du gemacht?“ Meine Antwort war ganz einfach.

»Ich habe mein Leben geändert.«
Ich habe gelernt, anders zu arbeiten
Heute mache ich etwas, das ich richtig toll finde. Und natürlich kostet auch diese Arbeit Energie. Ich gebe viel. Aber ich kann aus dem, was ich tue, eine ganz andere Energie ziehen. Und ich gebe mir Zeit für Pausen. Ich weiß inzwischen auch: Ich bin einfach nicht für zehn Stunden am Stück am Schreibtisch gemacht. Ich bin nicht der Typ, der Dinge einfach nur abarbeitet.
»Ich bin der Typ, der Menschen Gutes tun möchte.«
Das bedeutet für mich auch, dass ich anders arbeiten muss. In kleinen Etappen. Mit Pausen. Mit Bewegung. Mit unterschiedlichen Aufgaben. Und mit Zeit zum Nachdenken. Und inzwischen gehört es für mich zu meiner Arbeit, mich um mich selbst zu kümmern. Denn Selbstfürsorge findet nicht erst nach Feierabend statt. Sie darf mitten im Alltag stattfinden – auch während der Arbeitszeit.

»Gut für mich zu sorgen, ist keine Unterbrechung meiner Arbeit. Es ist ein Teil davon.«
Wenn weniger mehr ist
Meine aktuelle Aufgabe: Ab und zu Nichts tun – Gar Nichts!
Und trotzdem passiert es mir immer noch, dass ich über meine Grenzen gehe. Manchmal merke ich es sofort. Manchmal viel zu spät. Manchmal habe ich Glück und Anika behält meine Grenzen mit im Blick. Und manchmal denke ich noch immer: "Jetzt geht es aber wirklich nicht anders."
Es passiert mir nämlich – trotz allem Wissen und Fühlen, wie Arbeit für mich gut funktioniert – ziemlich schnell, dass ich bei unseren ganzen schönen Themen die Zeit und Energie vergesse. Oder auch, dass ich mich mit Selbstfürsorge (weil ist ja wichtig) manchmal eher unter Druck setze, und dann so gar nicht mehr gut weiß, was es bedeutet, nicht mehr zu machen, sondern weniger.

Eine Sache muss ich deshalb gerade ganz neu lernen:
Das Nichtstun.
Und zwar wirklich nichts. Nicht meditieren. Nicht joggen. Nicht noch schnell ein Fachbuch lesen. Nicht die nächste „wichtige“ Sache erledigen.
Sondern einfach dasitzen.
Den Kaffee genießen.
Ein schnödes Buch lesen.
Atmen.
Einfach mal in den Leerlauf schalten.
Ich darf stolz auf mich sein
Wenn ich heute zurückblicke, darf ich wirklich stolz auf mich sein. Nicht, weil ich jetzt alles perfekt im Griff habe, sondern weil ich aufgehört habe, mich dafür zu verurteilen, dass ich nicht so funktioniere wie andere.
»Ich musste nicht lernen, mehr auszuhalten.
Ich musste lernen, mich selbst ernst zu nehmen.«

Heute weiß ich: Ein Feierabend um 14 Uhr macht mich nicht faul. Eine Pause ist keine Schwäche. Und ich muss nicht erst völlig erschöpft sein, bevor ich mir Ruhe erlauben darf. Und vielleicht ist für mich inzwischen das Wichtigste, Arbeit und Leben möglichst nicht perfekt voneinander zu trennen. Sondern ein Leben zu gestalten, in dem ich arbeiten kann, ohne mich selbst dabei zu verlieren. Ein Leben, in dem auch Platz ist für Menschen, Natur, Abenteuer und Kaffee in der Sonne.
»Und manchmal bedeutet das eben auch: einfach mal nichts tun.«
Wann hast Du das letzte Mal einfach nichts getan?
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Autorin: Stefanie Bunge
Fotos: WanderWohl | Melanie Többe | Franzi Gottschalk
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